Einige Anmerkungen zum Lebensglück

Wenn wir vom Lebensglück sprechen, meinen wir das Glücken des Lebens, und nicht einen einzelnen Zufall, der sich glücklich auswirkt (obwohl sich so manches Glück als im Grunde Unglück bringend und unglücklich machend und so manches Unglück letztendlich als glücklich herausstellen konnte). Aber was macht dieses Glück aus? Was bringt mich zum Glücken? Brauche ich dazu Glück? Ist manches Unglück Schicksal wie ein Charakter, den man hat oder eben nicht? Gibt es wirklich Glückskinder von Kind auf und ist ein Glücksritter von ritterlicher Tugend? Mit dem philosophischen Glück hat dies wenig zu tun, und damit ist nicht nur das Glück gemeint, Philosophie betreiben zu können und sich der Philosophie widmen zu können.

Glück im philosophischen Sinne meint ein gelingendes und dadurch glückendes und damit glückliches Leben. Philosophie sucht die Grundlagen zu finden, auf denen Glück basiert, und das geht weit darüber hinaus, was Glücksforschung zu bieten hat. Natürlich sind einzelne Gegebenheiten meines Lebens wichtig, die mein Leben beeinflussen, aber sie machen es nicht aus. Wenn Philosophie etwas Allgemeingültiges finden will, das zum Glücken des Lebens beiträgt oder gar notwendig ist, darf sie nicht bei den einzelnen zufälligen Dingen stehen bleiben, sonst hängt das Glück von unberechenbaren und quasi schicksalhaften Zuständen und Zufällen ab, und das kann nicht glücklich machen. Die Abhängigkeit selbst wäre hier schon ein Unglück.

Manche Philosophie meint in der Enthaltsamkeit von all dem, was eben zufällig ist, dem Zufall entgehen zu können, und nur das als Glück zuzulassen, was ich selbst glücklich beeinflussen kann – im Grunde mich selbst und mein Umgehen mit Glück und Unglück. Aber das wäre zu wenig zu einem umfassenden Glück. Die Gestaltung meines Lebens mit all dem, was es beeinflusst und gestaltet, was mir meine Umgebung vorgibt und wohin ich gehe und ich damit als meine Umgebung definiere, das wird mir zu meiner Welt, die ich frei begehen darf. Letztlich ist mir alles entzogen, denn alles vergeht einmal, auch ich, alles ist so frei. Aber andererseits kann mich nur etwas betreffen, wenn ich gegenwärtig lebe, wenn ich da bin. Ich bin auch so frei, in dieser Welt mit all ihren Gegebenheiten Dinge zu tun, Menschen zu begegnen, unter ihnen auch mir, und frei mit allem umzugehen. Die Freiheit der Welt (und damit meines Lebens) werde ich nicht finden, indem ich mich von der Welt abkopple und isoliere, damit verliere ich gerade ihre Freiheit (auf sie). Verliere ich aber die Freiheit der Welt, dann auch die Freiheit auf mich, denn ich bin immer nur gegenwärtig in dieser Welt da. Wenn ich mich der Welt entziehe, darf ich mich nicht wundern, wenn sie sich vor mir zurückzieht und ich sie verliere.

Was also können wir glücklicherweise tun, um unser Glück zu finden? Wenn wir davon reden, dass wir es finden können, schließen wir damit ja schon implizit nicht aus, dass es zu finden ist. Wahrscheinlich ist es schon das erste, was wir tun können, dass wir überhaupt an die Möglichkeit des Glückens eines Lebens glauben, dass wir es wahrnehmen wollen und es wahrhaben wollen, dass wir glücklich sein können und glücklich sein dürfen. Ja, erlauben müssen wir es uns auch, wenn uns Unglück, eigene oder fremde Schuld oder einfach unbestimmtes Unwohlsein davon abhalten wollen, glücklich zu sein bzw. es uns gar nicht in den Sinn kommt, dass wir trotz allem glücklich sein dürfen. Es geht nicht darum, uns oder andere zu irgendetwas zu beglückwünschen oder das fehlende (Quäntchen) Glück zu wünschen, sondern es wirklich zu wollen, dem anderen wie mir selbst. Kann ich dem anderen wirklich sein (oder mein) Glück gönnen, und habe ich es in meinen Augen verdient, dass ich glücklich bin? Wenn ich hier nicht meine ehrlichen Antworten dem eigenen Leben geben kann, wird mir das Glück in meinem Leben verstummen. Das Leben ist auch glücken zu lassen.

Rein zeitlich darf das Glück schon nicht an abgeschlossenen Bereichen oder zufälligen wie hinfälligen Dingen hängen, um das ganze Leben in seiner Alltäglichkeit glücklich zu machen. Die Gefahr ist ausserdem, dass anstatt das Glück in meinem Leben (und seiner Ganzheit) zu suchen, ich mich zu einem abgeschlossenen und kleinen Glück flüchte, und ich werde ganz abhängig davon, es nimmt meine ganze Welt ein, und nur scheinbar wird meine Welt voll (von) Glück. Aber nur solange ich nicht in die Alltäglichkeit meines Leben und den Alltag meiner Welt zurückkehr. Dann merke ich nicht nur die scheinbare Glücklosigkeit der Welt und das Unglücklichsein meines Lebens umso stärker, sondern sie wird mir auch leer und kalt und hart vorkommen. Das Glück im kleinen Bereich wertet die anderen Bereiche quasi zum Unglück ab. Und das kann nicht das Glück des Lebens sein, weil das Leben so nicht glücken kann.

Mein Glück darf auch nicht an meinem Unglück hängen, denn ich darf auch dann ein geglücktes Leben führen, wenn ein Unglück da war. Da geht es gar nicht darum, das Glück im Unglück zu sehen, sondern sich nicht ohnmächtig dem Unglück zu ergeben, und letztlich damit frei umzugehen, das Leben trotzdem glücken zu lassen, weil ich Verantwortung für ein geglücktes Leben trage. Und der strengste Richter dieses geglückten oder verunglückten Lebens bin ich selbst, denn ich lebe nicht nur, sondern erlebe mich auch, erleide mich manchmal oder gar öfters. Ich darf das gute Leben suchen, wozu auch das Glück gehört. Aber selbst wenn das zufällige Glück kommt, darf ich mich nicht davon abhängig machen. Es ist ein Glück, wenn man es hat, aber es muss kein Unglück sein, wenn man es nicht hat. Man kann auch glücklich unglücklich sein, und sich im Unglück suhlen, man kann aber auch geglückt unglücklich sein, wobei das zum Glück zum Glücken des Lebens führen kann, wenn ich es nicht zu schnell von mir fortwische, sondern ihm gegenüber aufmerksam bin, es wahrnehme und ich wahrhaftig gut und sozusagen glückend damit umgehe. Es ist immer mein Unglück, das ich haben werde, und mein Glück, das ich erleben darf. Und es sagt mir etwas, nicht nur über die Dinge um mich, sondern vor allem über mich selbst, wie ich es erlebe und wie ich damit umgehe.

Man kann wirklich glücklich verunglücken, nicht nur indem nichts Tragisches passiert, sondern indem das Unglück glücklich genutzt wird und zum Glück führt, als Anlass, durch den sich das Leben ändert und vor allem endlich der Mut gefunden wird, es selbst zu ändern, denn alles Unglück ist ja schon geschehen (und ist es nicht sowieso das grösste Unglück, sein Leben nicht zu leben)? Ich darf mein Leben glücken lassen, was soll mich nunmehr hindern, wenn es schon das Unglück nicht schafft, und was hätte ich mit dem neuen Glück zu verlieren, wo ich doch bereits fast alles verloren hätte? Und ich brauche das Unglück letztlich nicht mehr als Rechtfertigung für das (anschließende) Glück.

Allerdings wird es kein glückloses Glück geben, sondern nur ein geglücktes Leben, das sich als geschenkt und gegeben sieht und doch dankbar ist für die Freiheit zu sein, glücklich zu sein und das Leben (zusammen) mit all seinem Glück und Unglück leben und damit glücken zu lassen. Das Leben glückt, wenn es sich von sich selbst und persönlich gelebt erfährt und so lebt. Und erst dann wird jeder und jede persönlich von (dem) Glück sprechen können zu leben. Das Glück kann man nicht erzwingen, aber ich kann es mir meinem Leben und als mein Leben schenken lassen, indem ich es als meines lebe. Aber ist das dann noch Glück?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Philosophische News Anmeldung

„Nichts ist so schwer, als sich nicht betrügen.“
(Ludwig Wittgenstein)