Teile des Denkens. Anteile, Vor- und Nachteile

Wer denkt und nicht bloss denken lässt (gedankenlos Gedanken übernimmt), sieht sich bald einigen Schwierigkeiten gegenüber, die das Denken mit sich bringt. Ein Erfordernis ist einmal die Zeit, die das Denken benötigt, dafür aber bekommt der denkende Mensch viel mehr von der Welt zu sehen, er wird aufmerksamer auf die ihn umgebenden Dinge und auf das eigene Leben, wenn er nicht immer dieselben Gedanken (im Kreise) denkt, was nicht Denken an sich, sondern Kreisen um etwas (meistens um sich) ist. Denken heisst ja nicht, dass die Gefühle nicht auch wahrgenommen, erlebt und gedacht werden, sondern das Gegenteil, kein Gefühl wird flüchtig und flüchtet sich aus meiner Wahrnehmung oder ich aus seinem Erlebnis, sondern endlich fühlt es sich beachtet, wahrgenommen, erlebt, gefühlt und – in meinem Falle – auch ernstgenommen.

Aber natürlich, jede Ablenkung wird dann nur mehr als solche gesehen, es ist eine Lenkung weg vom jetzt gegenwärtig Wesentlichen hin zum schnellen Erlebnis, Gefühl oder Ding, das sich dadurch auszeichnet, dass es flüchtig sowohl in der Wahrnehmung wie auch in der Anhaftung an das eigene Leben wird. Und mein Leben wird leerer. Gerade die Ablehnung der Dinge (und Menschen) in ihrem eigenen Gewicht (und damit einer richtigen Beziehung zu ihnen) führt zwar zu einer kurzfristig Entlastung meines Lebens, aber längerfristig wird mir die leere Hülle meines Lebens selbst zu einer Last werden. Leben gestaltet sich ja in den Beziehungen (zu sich, zu anderen und zu den Dingen), wenn ich diese Beziehungen aufgebe, gebe ich es auf, mein Leben als meines zu leben (, weder erlebe ich mich dann als lebendig (gerade als das Leben, das ich bin) noch können die anderen sich auf mich verlassen, wenn ich mich bereits selbst (auf etwas und damit mich) verlasse habe – und einer dieser anderen bin dann ich selbst).

Ein zweites, das Denken nicht nur mit sich bringt, sondern geradezu einfordert, ist die Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit. Ehrlichkeit mir und anderen gegenüber und vor allem auch den Dingen gegenüber, mit all denen ich in Beziehung trete und bin, und mit denen ich auch (ebenso wahrhaftig dann wie ehrlich in der Begegnung) umgehen muss (und darf). Definiere ich Wahrheit als meine Welt (und Welt als Wahrheit), so wird jeder Verlust meiner Wahrheit zu einem Weltverlust führen, und nicht mehr kann ich (grundsätzlich) haben, wenn alles (nur immer) in der Welt ist. Halte ich aber an einzelnen Dinge fest, während ich die Welt verliere, in der diese Dinge stehen, wird mir die Nichtigkeit dieses Dings (in seinen Grenzen) wie auch die Sinnlosigkeit meines Handelns angesichts der förmlichen Unendlichkeit des Nichts umso bewusster. Wenn ich also nicht das denke, was ist, was soll ich dann denken, ohne mich in Bildern, Phantasien und gar Phantasmen zu verlieren? Das heisst nun aber nicht, dass ich Dinge nicht in anderen Zusammenhängen und Menschen nicht vor anderen Hintergründen sehen darf, aber es heisst sehr wohl, dass ich Dinge sehen muss und Menschen und letztlich mich selbst, wie sie sind, wenn ich nicht blind durch das Leben gehen will, mir dadurch nie ins Gesicht schauen kann und letztlich auch nicht mehr zu sehen wage.

Ein drittes, Zwiespältiges des Denkens ist die Verlangsamung des Tuns einerseits, andererseits aber auch ein Wegfall bestimmten unnötigen Tuns. Denken denkt zuerst das Notwendige, das was meine Not wenden kann, und dann wendet es sich anderem zu. Und das ist gut so, und ist auch vorgegeben. Wenn ich in Not bin, wird auch mein Denken in Not sein, dafür ist es ja da, mein Leben zu stützen, dafür wird Denken auch benötigt. Aber das ist nur notfalls und nur für eine gewisse Zeit, Denken soll ja dazu führen, dass manche Dinge quasi wie von selbst gehen, weil sie einfach ohne viel Aufhebens und Nachdenkens getan werden. Selbstverständlichkeiten werden zwar im Denken sehr gerne aufgelöst (und damit gelöst und auch befreit für neue Zusammenhänge), denn von selbst kann sich kein Denken denken oder verstehen, ich muss es immer schon selbst tun, aber es werden durch das Denken hindurch auch neue Verständlichkeiten gefunden, auf denen ich zu stehen vermag, die neue Grundlagen und Grundsätze meines Lebens hier in der Welt werden können. Manches werde ich nicht brauchen, anderes eher weniger, und um manches werde ich mich sehr stark bemühen und kümmern.

Denken hilft, nicht nur die Dinge zu sehen, sondern auch die Grenzen festzulegen, in welchen ich sie entscheide, tue oder lasse. Und in meiner Freiheit werde ich nach den Dingen greifen, die als wesentlich für mich erkannt, gesehen und begriffen habe, und ich werde andere freiwillig, klar und gerne loslassen, die mir nicht entsprechen, die weder notwendig noch freudespendend sind. Aber ja, die Effizienz kann leiden, ich überlege mehr und lege die Dinge „im Geiste“ hin und her und um und auf andere und von anderen weg, aber wenn ich die Dinge dann in die Hand nehme, lasse ich sie mir nicht mehr als meine so schnell aus der Hand nehmen, und ich werde sehr effektiv. Ob die Effizienz in den Augen der anderen noch gegeben ist, wenn ich aus Systemen falle und aus gewohnten Traditionsrillen einfach (her)aussteige, wird sich zeigen, aber dem Leben und seinem Denken stellt sich deutlich die Frage, für wen ich denke und für wen ich lebe, ob ich für das Sehen der anderen lebe und ihr „Von-mir-halten“ und mich damit – mit ihren Blicken und in ihren Bildern – festhalten, oder ob ich mein Denken selbst denke, (es) auch für mich denke und ich frei (meine Welt) denken darf, was es im Grund wahrhaftig nur sein kann, wenn es (echtes und mein) Denken sein will. Ein Denken, das nicht (von irgendjemand persönlich) gedacht wird, ist kein Denken (mehr).

Jede und jeder denkt, es wäre falsch, dies nicht so zu sehen und ein jeder und eine jede denkt – es wäre falsch, das nicht so zu sehen. Und jeder Gedanke kann meiner sein und meiner werden, auch wenn er schon einmal gedacht worden ist. Descartes meinte ja einmal sinngemäß, dass es eigentlich keinen noch so absurden Gedanken gibt, der nicht schon einmal von irgendwelchen Philosophen gedacht worden wäre. Aber die Philosophie besteht gerade nicht in und aus ihrer Geschichte, sondern sie versteht sich als ein Weg, Menschen das eigenständige und persönliche Denken wieder nahe (und nicht bei) zu bringen. Wer wären wir, wenn wir nicht denken würden, und was denken wir eigentlich, was wir sind? Und selbst wenn jeder Gedanke in der Welt schon einmal und irgendwann und von irgendwem gedacht worden ist, es ist doch immer mein Gedanke, wenn ich ihn (gegenwärtig und gerade jetzt diesen Satz übersetzt in Bildern) denke, und zu diesem Denken will die Philosophie führen. Denn was ich denke, wird eine Frage meiner Welt sein, wie ich es denke, eine Frage meiner Weltsicht, wozu ich denke, eine Frage meines Lebens, ob ich richtig denke, eine Frage meiner Erkenntnis und wieviel ich denke, eine Frage meiner Ethik und Gewohnheit.

Klar ist jedenfalls, dass ich für mein Denken verantwortlich bin, denn es ist (immer (nur)) meines, und klar ist auch, dass ich die Inhalte meines Denkens zu entscheiden habe (oder ob ich schlafen gehe), aber ob ich immer denke und das Denken quasi allgegenwärtig meinem Leben ist, ob ich das Denken als die primäre Welteröffnung des Denkenden sehe, oder der auch Denkende in seinem Dasein bereits die Welt mit sich eröffnet (hat), ist mit dem Denken als Weltzugang noch nicht ausgesagt. Denn auch, wenn ich annehme, dass ich immer (gegenwärtig) denke, dass die Gefühle Teil meines Denkens und mein Denken integrativer Teil meines Lebens sind, so ist doch damit nicht entschieden, ob es gedankenloses Denken gibt. Aber das ist eine andere Frage.

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